Pressekonferenz „Trendstudie Österreichischer Arbeitsmarkt“
Der Mangel an Arbeitskräften bewirkt einen grundlegenden Wandel am Arbeitsmarkt: Die Arbeitskraft scheint nicht mehr in der Rolle des Bittenden zu sein, sondern kann konkrete Arbeitsbedingungen einfordern. Mit den Auswirkungen und Entwicklungen befassen sich TTI und Interconnection in ihrer Trendstudie. Auf Basis belastbarer Zahlen bietet sie einen umfassenden Überblick und eine fundierte Prognose über den österreichischen Jobmarkt.
Vom Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt
Der Arbeitsmarkt hat sich grundlegend gewandelt – von einem Arbeitgebermarkt hin zu einem Arbeitnehmermarkt. „Die Wirtschaft hat da sehr viel Nachholbedarf“, erklärte TTI Austria Geschäftsführer Markus Archan am Donnerstag, 06.10.2022, im Rahmen einer Pressekonferenz. Die Zahl der Bewerbungen auf offene Stellen sinke kontinuierlich – Unternehmen müssten sich heute gut präsentieren, während Jobsuchende zunehmend die Wahl unter Arbeitgeber:innen hätten.
Gleichzeitig stellten viele Betriebe nach wie vor zu hohe Anforderungen und gingen zu wenig auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer:innen ein. An erster Stelle stehe dabei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Es geht um Flexibilität – ohne Homeoffice geht gar nichts mehr, eine Gleitzeitvereinbarung ist das absolute Minimum“, betonte Erich Pichorner, Wirtschaftskammer-Berufsgruppensprecher der Gewerblichen Dienstleister und Geschäftsführer des Personalberatungsunternehmens Squadra.
Früher hätten Unternehmen aus einer Vielzahl von Bewerbungen die passende Kandidat:in ausgewählt – heute sei es genau umgekehrt. „Auf eine offene Stelle meldet sich heute vielleicht noch eine einzige Person, und die fragt: Na, wo sehen Sie Ihr Unternehmen in drei Jahren?“, so Archan. Im gewerblichen Bereich („blue collar“) spiele Homeoffice zwar eine untergeordnete Rolle, dafür rückten Themen wie die Vier-Tage-Woche, Betriebskindergärten und faire Bezahlung in den Vordergrund. Die entscheidende Frage laute: „Was kann das Unternehmen jenseits der Bezahlung noch für seine Mitarbeiter:innen leisten?“ Archan beobachtet eine Verschiebung weg von der Leistungsgesellschaft hin zu einer Versorgungsgesellschaft, „in der Menschen auch einmal abwarten und nicht bereit sind, jeden Job anzunehmen“. Viele Betriebe hätten noch veraltete Vorstellungen und müssten ihre Ansprüche anpassen. „Wir merken deutlich, dass die Wirtschaft da sehr viel Nachholbedarf hat“, so Archan.
Über klassische Stelleninserate lasse sich eine Stelle derzeit kaum noch besetzen. Unternehmen müssten daher zunehmend auf aktives Ansprechen von Kandidat:innen setzen – etwa über Social Media. „Das kehrt natürlich die Verhältnisse um“, so Pichorner. Qualifizierte Fachkräfte erhielten auf diesem Weg oft mehrfach wöchentlich neue Jobangebote „und verstehen es nicht, wenn Arbeitgeber sie dann zu einem klassischen Bewerbungsgespräch einladen möchten“. Arbeitgeber:innen müssten sich vielmehr überzeugend präsentieren und ihr Angebot an die Vorstellungen der Kandidat:innen anpassen.
Die angespannte Lage am Arbeitsmarkt sei auch durch den demografischen Wandel bedingt. Seit einigen Jahren gehen mehr Menschen in Pension als neue ins Berufsleben eintreten. Davor werde bereits seit 30 Jahren gewarnt – dennoch hätten sich viele Unternehmen noch nicht auf die neue Realität eingestellt. „Entweder du kommst in die Gänge, oder du bleibst übrig. Manche lernen das gerade sehr schmerzhaft“, sagte Pichorner.
